“Autobiografie & Retrospektive”        Rolf-Dieter Lenkewitz

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März 1990
Eröffnungsrede 'Salon Lagerpusch' von Siegfried Lagerpusch



Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Herzlich willkommen im Namen von Salon Lagerpusch, in dessen Räumen wir uns heute versammelt haben.
In der Einladungskarte steht:
Kunst  Raum  Salon  Lagerpusch.
Damit sind die drei wesentlichen Aspekte dieses Ortes bereits genannt:
- der Frisier-Salon, ein Dienstleistungsbetrieb
- der Raum, ein architektonisches
- und die Kunst, ein der Innenraumgestaltung dienendes Element. Kunst - Raum  Salon Lagerpusch. Allen voran die Kunst. So mag es aus der Sicht des Künstlers stimmen.Für den Frisierbetrieb muss es pragmatischer umgekehrt lauten: Salon Lagerpusch, Raum, Kunst.

Wir befinden uns hier natürlich nicht in einer Kunstgalerie, sondern in einem Friseur-Laden, der-zugegeben-etwas ungewöhnlich gestaltet worden ist.

Der Betrieb besteht seit über 40 Jahren in Flensburg. Mein Vater, Heinrich Lagerpusch, hat ihn 1949 mit zwei Bedienungsplätzen gegründet.
Es kann kein Zufall gewesen sein, dass er sich eine so gute Geschäftsadresse wählte, nämlich den Südermarkt, den schönsten und größten Platz dieser Stadt.
Der Ort war auch in anderer Hinsicht gut gewähtlt: im Laufe der folgenden Jahre konnte das Geschäft Raum um Raum vergrößert werden. In dem Maße, wie
andere ihre Betriebe auf der ersten Etage des Südermarkt 1 einstellten.
So war der Salon bis zum Jahr 1974 - als mein Bruder, Ulrich Lagerpusch, den Betrieb übernahm - auf die heutige Größe herangewachsen.
Mein Vater hatte seine Einrichtungen von darauf spezialisierten Firmen bauen lassen. Nicht gerade aus dem Katalog bestellt, aber doch den allgemeinen Trends folgend.
Fast wäre das im Prinzip so weiter gegangen, denn Ulrich Lagerpusch hatte das Handwerk in Hamburg erlernt und war stark von den gängigen international orientierten Trends seiner Gerneration

geprägt, wenn, ja, wenn nicht ich gefragt worden wäre.

Zu meiner Zeit konnte man noch ordentlich Architktur studieren: Es gab die Moderne und die Forderung, dass die Form - die Gestaltung - von der Funktion abzuleiten sei.
Und ungeachtet der fixen Ideen von Vater und Sohn entwickellten wir zusammen ein eigenes Einrichtungssystem mit frei im Raum stehenden raumbildenden Paravents.
Dieses System erlaubt, eine Ladenfläche in differenzierte Raumabschnitte, vom Großraum bis zur Einzelkabine zu unterteilen.
Der Wunsch der Kundin, ganz separat oder lieber in Gesellschaft bedient zu werden, steht ihr frei und kann nach Belieben erfüllt werden.

Gunnar Carlsson, als ausführender Architekt am Ort, verwirklichte diese Gedanken in der Ihnen allen noch bekannten Innenraumgestaltung des Salons
am Südermarkt 1.
Dieser Salon war von der Kundschaft angenommen und lief sozusagen - anstandslos -, und hätte so weiterlaufen können, wenn nicht der Mietvertrag Ende 1989
zu Ende gegangen wäre und vom Vermieter über die Optionszeit nicht verlängert werden sollte, und wenn nicht gleichzeitig schräg gegenüber am Südermarkt 8 eine große Etage für eine andere Nutzung

frei geworden wäre.

Auch zur langfristigen Absicherung der 30 Arbeitsplätze dieses Betriebes gab es keine andere Wahl als sich für ein neues Kapitel in der Geschichte dieses Salons zu entscheiden und einen neuen Laden

innerhalb von vier Monaten einzurichten.

Aber wie?

Ulrich Lagerpusch, heute so alt wie der Vater zur Zeit der Gründung des Geschäfts in Flensburg, reizte es, etwas ganz Neues zu machen, wie es in kleinerem Rahmen - auch unter der Federführung von

Gunnar Carlsson als Architekt - in der Rathausstraße mit dem Herrensalon gelungen ist.
Dort sind alle Bedienungsplätze, zusammengefaßt in zwei Gruppen, frei im Raum aufgestellt. Der Raum selbst wirkt in seiner natürlichen unverbauten Größe.
Zeit - aber auch Kostendruck ließen es jedoch bald geboten erscheinen, im neuen Damen-Salon die vorhandene Einrichtung wiederzuverwenden. Zumal reizte dieses Paraventsystem, in dem doppelt so

großen Grundriss, nochmals großzügiger raumbildend anzuwenden. So wurde mit Hilfe der Paravents der gegenene Raum in zwei große Bereiche gegliedert, wie wir sie heute hier erleben.

Die Kunst bei der weiteren Entwurfsarbeit bestand darin, möglichst viele vorhandene Teile, also außer Möbeln auch vorhandene Leuchten usw. zu integrieren.
Recycling war angesagt.
Ja, aber in welchem innenarchitektonischen Gestaltungskonzept?
Wie sollte die Decke gestaltet werden? Wie der Fußboden, die Brüstungsverkleidungen, wie die Paravents selbst?

Architekt Gunnar Carlsson, auch bei diesem Laden mit dem Entwurf und der Ausführung beauftragt, erarbeitete zusammen mit dem Fachingenieur für Haustechnik, Büro Harald Petersen, ästhetisch

anspruchsvolle Vorschläge und nannte die zugehörigen Kosten. Der vorgegebene Kostenrahmen nötigte aber immer wieder zur Besinnung auf einfache Materialien.

Warum nicht Linoleum als Intarsien verlegen oder Farbe selbst wieder eigenständiger ins Spiel bringen anstatt in Marmor und Chrom zu denken?

In dieser Phase des Projekts stieß Rolf Dieter Lenkewitz zu dem Planungsteam.

Ich wurde auf ihn in einer Ausstellung junger Künstler in Stuttgart aufmerksam und vermittelte ihn unverzüglich nach Flensburg.
Seine Bilder und die ersten Vorschläge zur Farbgebung des Salons fanden bei den anderen am Bau Beteiligten beachtliche Resonanz und das Vertrauen als unverzichtbare Grundlage der beginnenden

Zusammenarbeit wuchs schnell.
Rolf Dieter Lenkewitz richtete sich neben dem neuen Laden, in dem für eine spätere Betriebserweiterung noch verfügbaren Raum mit seinem Atelier ein, in dem heute seine Bilderausstellung aufgebaut

ist, und entwickelte seine Künstlerische Arbeit in engem Zusammenhang mit dem Geschehen auf der Baustelle.
In mehreren großen Ideenschüben setzte er zu künstlerischen Maßnahmen an, die - einfühlsam auf die gegebene räumliche Situation und den Entwurf des Architekten aufbauen - das Ganze zu durchwirken

begannen und die Einzelelemente mit jedem Schritt wieder zu einer neuen übergeordneten Größe verschmolzen.
Dabei kam dem Projekt das handwerkliche Multi-Talent des Künstlers und sein Reichtum an Künstlerischen Techniken sehr zugute.

Vielfältigkeit ist für mich das Schlüsselwort dieses Projektes.

Für mich ist das Ergebnis eine dreidimensionale begehbare Collage.

Das zusammenfügende Gestaltungsprinzip der Collage wurde mit wachsender Verbindlichkeit Grundlage der gesamten weiteren Planungsarbeit, z.B. sehr ausgeprägt bei der Deckengestaltung. Bei diesem

Prinzip bleibt für das Teilstück "die Freiheit unverwechselbaren Daseins" - wie sie Rolf Dieter Lenkewitz in seiner Kunstdefinition anführt - erhalten, die jedoch durch Einbindung in das Ganze

modifiziert wird.
Dies ist spezifisch "Kunst am Bau", nicht nur freie Kunst, sondern - wie ich anfangs schon angedeutet habe - dienende Kunst.
Sie hat die Aufgabe, die harmonische Atmosphäre eines - z.B. dieses Ortes, mitzubestimmen und ihn als unverwechselbar auszuzeichnen.

Wir werden sicherlich bei Bedarf in kleineren Gruppen noch Gelegenheit haben, Eindrücke von diesem Ort miteinander auszutauschen und Rolf Dieter Lenkewitz wird in seinen nun anschließenden

Ausführungen mehr zum Verständnis seiner Arbeit im einzelnen sagen, so dass ich zum Schluss kommen kann, indem ich des Dichters Worte zitiere:

Von der Stirne heiß
rinnen muss der Schweiß
soll das Werk den Meister loben,
doch der Segen kommt von oben.

- Von diesem Segen haben wir schon einiges abbekommen, gaube ich, wenn ich an die vielen glücklichen Zufälle denke, von denen dieses Projekt begleitet wurde.
- Und dass das Werk den - die - Meister lobt, möchte ich auch glauben.

Einige der Kundinnen haben bewußt miterlebt, wie seit Inbetriebnahme des Salons im Januar die Künstlerischen Maßnahmen komplettiert und wie dadurch der Raum in seiner umhüllenden Wirkung abgerundet

wurde. Wenn dieser Raum Geborgenheit bietet und darüber hinaus erbaulich wirkt, ist das gemeinsame Ziel wohl erreicht.

- Und von der Stirne geronnen ist der Schweiß, wenn es bei manchem auch nur Angstschweiß war.
Darum möchte ich im Namen von Salon Lagerpusch allen Dank sagen, die - an welcher Stelle auch immer - zum Gelingen dieses Salons beigetragen haben. Ob Planende oder Ausführende, allen wurde ein

ungewöhnlich hohes Maß an Engagement abverlangt und jeder hat sein Bestes getan.
Herzlichen Dank!


März 1990

 

Entwurf  Psychoide Fraktale in Arbeit, eine Rohfassung des Buchprojektes kann ggf. übersandt werden.

Bitte nehmen Sie zu mir Kontakt auf

r.lenkewitz@ocmts.de